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Ein Traum von Südamerika. Die Welten verschwimmen.
Jesus, did I say that? Or just think it? Was I talking? Did they hear me?
Raoul Duke in Fear and Loathing in Las Vegas
Worms am Rhein, die Sonne scheint. Vor mir ein Mate-Gefäß mit den letzten Hierbas aus Argentinien. In meinem Mund schmilzt ein Mon Cheri, gegenüber von mir sitzt Momama, meine Großmutter, und gibt mir Tipps, wie ich diesen letzten Eintrag gestalten könnte. Meine Existenz in diesem auf der anderen Erdhalbkugel gelegenen Kontinent wirkt surreal. Habe ich alles nur geträumt? Oder träume ich jetzt gerade von hier? Und liege noch - gemütlich eingerollt - in meinem Einzelzimmer in Valdivia? Lauschen wir der erzählenden Spur, um ein wenig Klarheit zu gewinnen …
Beinahe hätte ich den Nachtbus nach Santiago verpasst! So dicht war die Atmosphäre auf der Terrasse; völlig unerwartet tauchte ein Schwung interessanter Menschen auf und belebte mein geliebtes Hostel. Glücklicherweise hatte ich schon Busticket und Zimmerreservierung erledigt, so dass ich aufbrechen musste! Jäh wurde ich aus dem Gespräch mit einer Berliner Psychoanalytikerin herausgerissen, mein Wecker ging falsch, ich habe nur noch 10 Minuten, oho!!!
Zehn Stunden später und 1000km weiter nördlich im neuen Hostel sitzt plötzlich mein alter Mitstreiter Phil vor mir grinsend auf der Couch. Überraschend in neuer Gemeinschaft erkundeten der anarchistische Kanadier und ich die Metropole am Fuße der Anden. Ganz nach meinem Geschmack landeten wir in einem Bermuda-Dreieck von ethnographischen Stadtspaziergängen, historischer Erkundung der Geschichte der chilenischen Diktatur und situationistischen Yoga-Krisenexperimenten. So stolzierten wir eines Sonntagnachmittags im Zeitlupentempo, atmend, durch einen belebten Park im Herzen der Stadt und wurden so zur Kuriosität, an der sich einige erfreuten und andere ein wenig ärgerten. Im Nachklang unserer Performanz spülte es uns ausgerechnet zu einer Lourdes-Grotte, also einem in Südamerika beliebten und häufig vorzufindenden Wallfahrtsort. Hier ließ sich Phil mit einem Lama fotographieren :) Als dann abends Saúl zu uns stieß, wuchs eine außergewöhnliche Konstellation zusammen, welche in das wilde Nachtleben von Bellavista sprang. Am nächsten Tag kam noch die Fussballkultur von Universidad zum Erlebnisspektrum hinzu …

Der große Tag rückte näher und er wurde Zeit, sich auf den Höllenritt (welcher lediglich durch Anna’s 25stündigen Busmarathon übertroffen werden konnte) nach Córdoba zu machen. Die Anden - und damit die Grenze zu Argentinien - mussten auf nahezu 4000 Metern überquert werden; nach einem kurzen Aufenthalt in Mendoza sollte der Nachtbus nicht endende Gewitterfronten mit ausschließlich senkrecht zischenden Blitzen durchqueren. Etwas benommen taumelte ich am nächsten Morgen durch die zweitgrößte Stadt Argentiniens. Im Hostel stieß ich auf Miko, den ich aus Marburg und Berlin kenne; gemeinsam durchstöberten wir die Museen, Parks und Bars der Stadt.

Die Hände wurden schon ein wenig feucht, als am folgenden Abend dieser unbekannt-vertraute Mensch mit Kopfhörern im Ohr vor mir stand; dieser Mensch, welcher doch so wichtig für mein Leben ist und von dessen letztem Monat ich rein gar nichts wusste! Angeregt umeinander schwirrend verloren wir uns in den Tiefen der Stadt, um bei sektgekühltem Bier und Drehtabak unsere Wieder-Begegnung zu feiern! Von nun an konnten wir ein gutes Team bilden, welches von den Tücken vorheriger Unsicherheiten befreit war.

Die letzten drei Wochen vergingen wie im Fluge. Von einigen durchfeierten Nächten in Córdoba erholten wir uns in der idyllischen Hippiesiedlung San Marcos Sierra. Hier freundeten wir uns mit einigen Argentinier*innen an, mit denen wir das ansonsten ruhige Hostel teilten, veranstalteten Parillas (die argentinische Art zu grillen), wanderten und ritten am Fluss entlang, verirrten uns und wurden zum Mate-Trinken eingeladen, von Straßenhunden beschützt … und genossen es, wieder beieinander zu sein!

Nach einer langen Reihe von Reisen in (meist) mehr oder (selten) weniger gemütlichen Transportmitteln bestiegen wir unseren allerletzten Bus - aufgrund eines Sonderangebots durften wir in der Cama-Klasse nach Buenos Aires schweben. Normalerweise sind wir stets Semi-Cama gereist, was soviel wie “halbes Bett” bedeutet; selbst hier ging es komfortabel zu, der Sitz konnte weit zurückgelehnt werden und es gab eine Ablage für die Beine. Entsprechend komfortabel war nun dieser letzte Nachtbus: wohlgenährt und gut ausgeruht erreichten wir so die Millionenstadt am Rio de la Plata …

An dieser Stelle endet mein Bericht von der anderen Seite der Welt. Es kann gut sein, dass Anna noch etwas hinzufügen möchte. Nun gilt es, sich etwas Schönes in Berlin (oder zumindest Europa … oder doch América del Sur) aufzubauen! Und all die Erlebnisse, Eindrücke und Menschen in einer gerechten Erinnerung lebendig bleiben zu lassen. Dies ist nicht einfach, so …
dass ich mich frage, wie ich überhaupt den Flug nach Deutschland schaffen soll. Einfach hier bleiben! Die Stimme gibt es in der Tat. Aber nein. Ich habe doch Sehnsucht nach Berlin. Wenn ich auch gar nicht weiß, was ich meinen Freunden erzählen soll. Resultate gibt es nicht. Oder? Auf jeden Fall einen Beschluss. Dass ich mein Leben künftig tanzen will, anstatt es zu planen. Ich will hinhören, was es mir sagt und nicht alles selbst steuern. […] Die Reise hat mich aus dem Kopf eine Etage tiefer rutschen lassen, vom Analysieren und Planen zum Spüren und zur Intuition gebracht.
Theresa Heidegger: Achterbahn der Stille. S. 248
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Charly García, ein bekannter argentinischer Rockmusiker, verarbeitet in dem Stueck “Los Dinosaurios” das Thema der “Desaparecidos” (der ploetzlich Verschwundenen, Gefolterten und Umgebrachten) waehrend der Militaerdiktatur.
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La última Parada: Buenos Aires
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Córdoba und San Marcos Sierra: Grosstadtleben vs. Hippe-Idylle auf dem Land
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Córdoba. 11. April 2012, 18:45
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Von Tourismushoellen, veganen Burgern und den Tiefs und Hochs des Solareisens
Die Zeit fliesst in rasender Geschwindigkeit an mir vorbei. Ich bin schon bald einen Monat alleine unterwegs. Die erste Station meines Solareisens war Pucón. Dort angekommen verbrachte ich die ersten Tage mit Inés Suarez Erzaehlungen, die David ja bereits ausgefuehrt hat. Pucón, das in meinem Reisefuehrer als Treffpunkt fuer Hippiefreunde und New-Age-Gurus angepriesen wird, entpuppte sich als einzige Konsumhoelle und Tourismusmeile…Meinen Hostalmitbewohner_innen schien das gut zu gefallen und dementsprechend war meine Stimmung durch langsam aber sicher in mich kriechende Vereinsamung nicht besonders gut. Auch das Pflegen deutscher Traditionen in diesem kleinen Ort wie das Oktoberfest Pucóns und die reichlichen Angebote nach Weisswurst oder Gullasch steigerten nicht gerade meine Laune. Nach einem intensiven Aufmunterungsprogramm Sandrines entschloss ich mich, ihrem Rat zu folgen und fluechtete aus Chile….
… hinein in das schoene Bariloche…
Schnell bildete sich eine Gruppe aus zwei gebuertigen Rosarianos, zwei Porteños, also Gustavo und Bernando aus Buenos Aires, mir und Charly, der in dem Hostal arbeitet und den ich hier zitieren moechte mit dem Satz “Qué buena noche- Bariloche!” (“Welch schoene Nacht (in) Bariloche!”).
Anders kann man es nicht ausdruecken, eine wunderschoene Stadt. Auch am Tage, den ich haeufig durch die Berge wandernd verbracht habe, hier auf einem Aussichtspunkt mit Blick ueber die Seenlandschaft und einem verdienten Patagonia-Bier.

Nach einer entspannten Zeit in den Bergen Bariloches und einigen Partien Pingpong (Tischtennis), das hier gerade Mode zu werden scheint, ging es dann weiter fuer mich
…in die kleine und beschauliche 13.000 Einwohnerstadt El Bolsón…
Hier erfuellten sich meine in Pucón enttaeuschten Hoffnungen dann doch noch und ich verbrachte den Grossteil meiner Zeit flanierend auf dem mehrmals woechentlich stattfindenden Markt, auf dem alles zu finden ist, was Mensch braucht oder auch nicht: Von selbstgebackenen Broten, veganen Empañadas, vegetarischen Torten und Tofuburgern, Apfel-, Rotkohl-, Karotten- oder auch Mandelkompott ueber Leder- Leinen- und Wolltaschen, Mosaikspiegel, Instrumente, Schuhe, Notizbloecke mit Blaetter- oder Blumenstempel sowie den fuer El Bolsón typischen Hippie-Dress bis hin zu Kraeutern, Cremes und Oele gegen Alltagskrankheiten oder einfach fuer mehr Energie und so.
Zum Tag der Erinnerung (und gegen das Vergessen) am 24. Maerz gab es auf dem Hauptplatz neben dem Markt eine Demo und das freie “Radio la Negra” hielt eine Freiluft-Sendung. Diskutiert wurde neben der Aufarbeitung der Verbrechen in der Militaerdiktatur Argentiniens von 1976 bis´83 auch die weiterhin aktuelle Suche der “Desaparecidos” (also der waehrend der Diktatur ploetzlich “Verschwundenen”, Gefolterten und Umgebrachten, die haeufig in bis heute nicht lokalisierten Massengraeber oder ins offene Meer geworfen wurden). Die “Madres” (Muetter) und “Abuelas” (Grossmuetter), die sich schon waehrend der Diktatur auf dem Plaza del Mayo, dem Hauptplatz von Buenos Aires, versammelten, um gegen das Verschwinden ihrer Kinder und Enkel zu demonstrieren- sind weiterhin aktiv auf der Suche. Die Kinder der Verschwundenen/Umgebrachten wurden hauefig an Militaerfamilien uebergeben und sind heute in grosser Zahl auf Indentitatssuche nach ihren “leiblichen Eltern”.

Charly García, ein anerkannter Musiker aus Buenos Aires, der die Entwicklung des argentischen Rock entscheidend mitgepraegt hat, verarbeitete das Thema in seinem Stueck “Los Dinosaurios”, das ich hier auch veroeffentlicht habe.
Nach einer sehr entspannten Zeit in der Stadt El Bolsón zog es mich dann in das Umland und ich arbeitete eine Woche auf der Chacra CIESA, einer Farm, die auf Grundlage des Oekolandbaus arbeitet und deren Mitglieder sich so weit es geht allein von den auf dem Grundstueck angebauten Lebensmitteln ernaehren und das, was sie zusaetzlich benoetigen, durch Einnahmen auf dem Markt bezahlen. So lebte ich also eine woche Geldlos. Eine schoene Erfahrung.

Morgen dann beginne ich meinen 24-Stunden-Trip nach Córdoba, hinein in staedtische Gefilde, in die es mich als Frankfurterin -so schoen es hier auch ist- dann doch auch wieder zieht… und ich freue mich insgeheim dann doch auch auf richtigen Kaffee anstatt Matetee, ein richtiges Schnitzelbroetchen und warme Fuesse im Hostel…
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You can checkout any time you like, but you can never leave!
Als Pedro de Valdivia im Jahr 1540 Santiago de Chile gruendete, war das dauerhafte Bestehen dieser Siedlung sehr unwahrscheinlich. Zu stark erschienen die dem Land innewohnenden Mapuche fuer die 170 Siedler und Soldaten und deren nahezu wehrlose indigenen Gehilfen, die aus Peru die unwaegbare Mission durch die toedliche Atacames-Wueste unternahmen. In der entscheidenden Schlacht, als die die Massen der Mapuche Krieger*innen gegen die Barrikaden des zentralen Plaza Mayor anstroemten, war es Inés de Suárez, welche den sieben gefangenen Kaziken (Haeuptlinge) die Koepfe abschlug und diese in die Menge schleuderte. Die Brandung liess nach, bis sie verschwand.

Inés de Suárez hat nicht nur Santiago gegruendet und gerettet, sie hat auch die Empañadas erfunden. Dies sind leckere Teigrollen, die mit Gemuese, Fleisch, Meeresfruechten oder Kaese gefuellt werden und danach fritiert werden. An jeder Strassenecke Suedamerikas kann mensch sie kaufen. Weiterhin organisierte Inés den Aufbau der Stadt und lebte in “wilder” und leidenschaftlicher Beziehung mit Pedro de Valdivia.
Die Mapuche waren besonders zaehe und erbitterte Kaempfer und leisteten ueber Jahrhunderte erbitterten Widerstand gegen die Invasoren. Lautaro erschien im zarten Alter von zehn Jahren vor der Pforte Santiagos. Er wurde aufgenommen und lebte und lernte fortan mit den Spaniern. Nach einiger Zeit wurde er beauftragt, das Pferd von Pedro de Valdivia betreuen, zu dem er eine besondere Beziehung hatte. Eines Tages thronte der abgeschlagene Kopf des Pferdes ueber der Stadt. Es war der 18. Geburtstag Laudatos, der zu den Seinen zurueckgekehrt war und mit all dem Wissen ueber Pferde, Denkweise und Taktiken der spanischen Kriegsfuehrung die Strategien der Mapuche entscheidend veraenderte. Er sollte spaeter seinen einstigen Lehrmeister Pedro de Valdivia in einen Hinterhalt locken, was dessen Ende gleichkam. Galvarino kaempfte mit den Zaehnen weiter, nachdem ihr von den Spaniern beide Haende abgehackt wurden …
Der Widerstand suedlich des Flusses Bio-Bio wurde erst durch die deutsche Besiedlung erstickt. Viele brachen nach der Enttaeuschung ueber die gescheiterte liberale Revolution von 1848 in die nun unabhaengige Republik Chile auf, um dort innerhalb kuerzester Zeit einen wirtschaftlich erfolgreichen Brueckenkopf der Besiedlung im Sueden des Landes zu errichten. Die Mapuche wurden zurueckgedraengt und schliesslich - zunehmend alkoholabhaengig - in ihren Reservaten gehalten. Trotz der liberalen Anfaenge wurde ein nicht unbedeutender Teil der chilenischen Deutschen einige Jahrzehnte spaeter zu gluehenden Anhaengern der Nazis und die deutschen Siedlungen zum beliebten Refugium fuer Fluechtlinge nach 1945.
Eine dieser deutschen Gruendungen ist die Stadt Valdivia, welche idyllisch am Zusammenfluss dreier grosser Stroeme liegt. Folgt man diesen in Richtung Meer, oeffnet sich eine grosse Bucht hin zum Pazifischen Ozean. Busse und Boote wuseln hin und her und so lassen sich die zahlreichen Straende, Kuesten und Waelder rasch erreichen. Valdivia selbst ist eine kleine und feine Stadt; architektonisch unspektakulaer, aber huebsch anzuschauen. Hinter dem Fischmarkt raufen sich Seeloewen und Geier um den maritimen Ueberschuss. Die Universitaet hat eine aehnliche Praesenz innerhalb der Stadt, wie ich dies in Marburg kennenlernen durfte. Es gibt bunte Guerillbestrickung, nette Kneipen und ein tosendes Nachleben. Zur Zeit finden wieder massive Studierendenproteste statt, welche mit teilweise heftiger Polizeigewalt niedergeschlagen werden.
Ich habe hier meine erhoffte Oase gefunden. Das liegt an der Stadt, aber vor allem an dem tollen Hostal Airesbuenos, in welchem ich nach nahezu zwei Wochen schon fast zum Inventar geworden bin. Ich reparierte den Computer und konnte mich waehrend einer zweitaegigen Waldrodungsaktion im Schwingen der Machete ueben. Die Menschen hier sind mir unglaublich ans Herz gewachsen und ich fuehle mich wie im Hotel California (aus dem Lied entspringt der Titel dieses Eintrags). Es gibt eine grosse Hausente namens Gardel und eine Terrasse mit Garten. Und die Sonne scheint durchweg, obwohl es in dieser Jahreszeit (es wird Herbst!) schon laengst regnen sollte. Es wird mir schwerfallen, hier wegzugehen!
Als wir eines Tages am Strand sassen und ich meine Steintuermchen baute, setzten sich zwei Frauen mit ihrer Tochter zu uns; wir unterhielten uns nett und es stellte sich heraus, dass eine der beiden mit ihrem Vater direkt am Strand wohnt. Sie lud uns zum Fischgrillen ein, welches von ihrem Vater, ein Mapuche namens Don Fernando, in traditionieller Manier mit einer Bambuskonstruktion eindrucksvoll praktiziert wurde. Wir blieben lange und die beiden Frauen wollten uns bei sich behalten, doch wir schafften rechtzeitig den Absprung zur letzten Faehre! Der aufregende Abend wurde mit nicht wenigen Bieren in der lokalen Jazz-Bar beendet.
Ich fuehle mich aufregend und neu, meistens kann ich meine ziehende Einsamkeit transformieren in schoene Gemeinschaften mit den verschiedensten Menschen. Es gibt hier fuer drei Euro einen riesigen Fisch zu kaufen und so organisierten wir einige Festmahle und luden fast das genze Hostal dazu ein. Es wurde musiziert und wir tanzten wild auf der Terrasse … Morgen wird sich der Kreis schliessen, es geht zurueck nach Santiago - dem Ort, an dem einst Inés de Suárez und Pedro de Valdivia den ersten Stein der Besiedling Chiles gelegt haben.
One more coffee for the road …
(David)
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Mis Aventuras en Valdivia
(David) -
Parque Nacional Vicente Perez Rosales
… con Volcán Osorno
(David)
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Cold Turkey
Puerto Montt
Na also! So langweilig war das Kaff nun doch nicht. Erster Abend, Heimweg: ich begegnete Menschen, die auf der Strasse fein fabrizierte Blumenatrappen aus Gummi verkaufen. Daraus entwickelte sich ein sehr lustiger Abend mit viel Musik von Gitarre und Floete und wilden Diskussionen. Sie sehen sich in der Tradition von Víctor Jara, der zu Zeiten der Diktatur mit Strassenmusik Politik machte und sich nicht davon aufhalten liess, dass man ihm die Finger abhackte. Er spielte weiter, bis man ihn verschwinden liess …
Als die nahende Polizei die lustige Versammlung aufloeste, luden mich Camilla und Erich ein, mit ihnen den naechsten Tag zu verbringen. Die beiden sind eine sehr intererssante Konstellation. Erich wurde 1974 in der DDR geboren, nachdem seine Famile von der Diktatur geflohen war. Er wuchs zunaechst in Jena und spaeter in Mosambik auf, studierte dann Journalistik und Fotografie in Chile und arbeitete als Koch in Frankreich. Camilla, 19 Jahre, ist ein Kind aus einer Mapuche-Indigena-Familie aus Temuco. Die beiden lernten sich auf einen Familienfest kennen und entschlossen sich dort, gemeinsam durchs Land zu ziehen. Und nun leben sie mit Zelt und Katze ein abenteuerliches Leben auf einer Insel in der Naehe von Puerto Montt.
Mein Besuch erwies sich als kulinarisch und kulturell sehr bereichernd. Zunaechst sammelten wir zwei schwere Tueten mit verschiedensten Meeresfruechten am Strand, um anschliessend ein stundenlanges 4-Gaenge-Menue bis zur Abenddaemmerung zu zelebrieberen. Der erste Gang bestand aus rohen Meeresfruechten, die mit Zitrone, Zwiebeln und Petersilie geschluerft wurden. Anschliessend grillten wir die Muscheln mit Kaese auf dem Feuer (siehe Foto, wirklich exquisit!!!), das Hauptgericht bestand aus einer Art Paella. Zum Nachtisch wurden - nach meiner Empfehlung - zwei Bananen in die Glut geworfen, dann geschaelt, geschnitten und verspeist. Das habe ich von den Hollaendern und Franzosen in Mendoza gelernt. Das Feinschmecker*innenmahl mit bescheidenen Mitteln wurde von spannenden Gespraechen, Anekdoten und Rotwein begleitet, so dass ich am Abend recht beschwingt die Faehre zurueck zum Festland besteigen konnte …
Castro/Chiloé
Um einen Tag spaeter auf der Insel Chiloé zu landen, die fuer mich Alleinreisenden eine harte Pruefung werden sollte. An sich war es nett hier, ein vernebeltes buntes Gemisch aus Holzhaeusern, Hobbithuegeln und Meeresbuchten. Und zum Krankheitauskurieren vielleicht sogar perfekt, denn ich kam auch nicht einmal in die Naehe eines pulsierenden Nachtlebens. Alles mutete sich hier sehr ordentlich und ein wenig spiessig an - und sehr deutsch (sogar die Rasen werden sonntags gemaeht)! Meine Freude auf ein lebendiges Hostelleben wurde durch die dort stationierte Masse an U.S.-Amerikanischen Rentner*innen, die auf der Suche nach den Unesco-geschuetzten Holzkirchen waren, doch reichlich getruebt.
Na, ich hab mir dann trotzdem eine schoene Zeit gemacht, zwei Ausfluege unternommen, die durch das dortige Bussystem wirklich kinderleicht waren. Einer ging - dem Vorbild meiner Mitbewohner folgend - auf eine Insel, die vor Holzkirchen nur so wimmelte. Der andere in den Nationalpark, wo ich auf wirklich verrueckte Tepual-Baeume traf, welche mit ihren Wurzeln eine Art zauberhafte zweite Ebene ueber dem sumpfigen Boden erschaffen. Fehlte nur noch, dass eine kleine Elfe herbeischwebt. Oder war da gerade eine?

Puerto Varas/Parque Nacional Vicente Perez Rosales
Schwer ist es, eine Wanderung zu beschreiben. Sie befreit die Gedanken von den Aengsten, das liegt bestimmt an der frischen Luft und der Bewegung. Und diese Einsamkeit, zum ersten Mal war sie herrlich, erquicklich, schoepferisch! Ich konnte anfangen rumzukaspern, meine eigenen Toene und Lieder ins Leben rufen und sie perfektionieren. Und immer, wenn mir ein Gedanke kam, sass ich nieder und schrieb ihn auf. Und das alles in einer Kulisse, die von einer der fruehen Romantiker*innen haette gemalt sein koennen! Es beginnt an einem tiefblauen See, der sich in einen reissenden tuerkisblauen Gebirgsfluss ergiesst. Dieser kulminiert wiederum an einem Wasserfall, an dem gleichzeitig mehrere Naturlehrpfade beginnen, welche einen durch die abwechlungsungsreiche Landschaft fuehren. Und dem nicht genug, alles geschieht am Fusse des Zuckerbaeckerkegel-Vulkans Osorno, an dem ich mich nicht satt schauen konnte.
Hach! Auch wenn mir gestern im Supermarkt, beim ersten Alleine-Einkaufen und -Kochen, beinahe das Herz zerrissen waere, auch wenn ich sehnsuechtig vom Lago Todos Santos nach Osten blicke, wo Bariloche in Argentinien zum Greifen nahe liegt … ein weiser Mensch kommentierte juengst meine Schilderung der Lage mit “Cold Turkey”, also kaltem Entzug von einer sehr abhaengigmachenden Droge. Was wohl auch auf eine Beziehung zutriift. Und so ist es auch schoen, mal wieder nuechtern zu sein - mensch wird sozial offener ;) Es ergeben sich kleine, aber feine, Begegnungen - wie die Schuelerin, die sich einfach neben mich in den Bus setzt und sich eine dreiviertelstunde mit mir unterhaelt. Oder den aufgedrehten Hostalnachtwaechter. Oder das franzoesische Maedchen, welches mit ihren Eltern fuer zwei Tage meine Mitbewohnerin war und mir zum Abschied einen Marshmallow und ein Kuesschen schenkte. Oder die schraege Englaenderin, die gerade von einem achtmonatigem Tour einmal um Suedamerika herum in einem umgebauten LKW zurueckkommt. (Sie war darin mit acht anderen Leuten unterwegs. Und da gibts eigene Unternehmen, die sowas anbieten!) …
Soviel zu den kleinen Verruecktheiten und Schoenheiten, welche die Welt manchmal zu bieten hat. Jetzt geht es weiter, zu groesseren, lebendigeren Welten! Und so jaule ich hoffentlich hier ein letztes Mal mit John Lennon:
Thirty-six hours
Rolling in pain
Praying to someone
Free me again(David)
